Schwindel-Sprechstunde-Hamburg

Spezial-Ambulanz für Schwindel,
Gleichgewichts- und Augenbewegungsstörungen

Neurologie

Zum Problem der Fahrerlaubnis bei Patienten mit homonymer Hemianopsie.
Zangemeister WH: Neurologie & Rehabil 2001;7: 254-257

Bei einem gezielten geeigneten Training kann die koordinierte Blickkoordination bewusst aktiviert und optimiert werden kann, so dass überlange Reaktionszeiten auf Ziele aus dem blinden Halbfeld entfallen. Langfristige Untersuchungen hierzu wurden in den vergangenen Jahren publiziert. Im Gegensatz dazu lässt sich das blinde Gesichtsfeld durch das sehr teure Sakkadenbewegungs-Maximaltraining nur minimal verkleinern; diese Methode wird an einigen Stellen angeboten, ist aber umstritten und vom praktischen therapeutischen Nutzen her ineffektiv und unnötig. Ausserdem ist es erforderlich, sich bei der Beurteilung der Fahrerlaubnis neben den bekannten neuropsychologischen Tests auch ein gezieltes Bild über die einzelnen Latenz- bzw. Reaktionszeiten zu machen. Dazu gehört eine Beurteilung der visuellen Latenz auf der Basis eines Ganzfeld- und Halbfeld-VEPs. Dazu gehört weiterhin die Beurteilung der sakkadischen Latenz mit und ohne bewegten Kopf bei gleichzeitig evaluierter Intaktheit der motorischen Augen-Kopf-Funktionen. Schließlich gehört hierzu auch die Prüfung der Umsetzungszeit am Effektor, nämlich Hand oder Fuß: Insgesamt sind das 600 bis 700. Dieses ist in den Reaktionszeiten von bis zu 1 Sekunde, welche im Verkehrsalltag zugrunde gelegt werden, berücksichtigt.
Ein nicht trainierter schlecht angepasster Hemianopsiepatient benötigt wegen seiner sogenannten treppenförmigen Augen- und Blickbewegungen in das blinde Halbfeld hinein ein Vielfaches dieses Wertes, da er schon bei 4 bis 5 solcher hintereinander ins blinde Halbfeld sich bewegenden Sakkaden auf mehr als 2 Sekunden kommt, oft auch noch auf längere Zeiten. Das gezielte Training erlaubt ihm in einfacher Weise, durch großamplitudige überschießende Sakkaden ins blinde Halbfeld hinein Ziele in diesem sehr viel schneller
zu erreichen, nämlich in dem genannten Zeitrahmen von 300 bis 400 ms bzw. soweit eine Rückwärtssakkade notwendig wird von 600 bis 700 ms. Natürlich ist eine solche bewusst antrainierte koordinierte Blickbewegungsstrategie an die Attenz und Beurteilungskraft des Hemianopsiepatienten gebunden. In extremen Situationen ist sie sicherlich eingeschränkt. Das bedeutet aus unserer Sicht, dass eine Fahrerlaubnis für Hemianopsiepatienten dieser Kategorie (keine neuropsychologischen Ausfälle, ggf. foveale Aussparung, Zustand nach gutem nachprüfbaren Training) im Regelfall nur eingeschränkt zu geben ist, so dass
die Chance von extremen Situationen, zum Beispiel bei sehr hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn, ausgeschlossen ist. Insgesamt ergibt sich aus den vorstehenden Überlegungen, dass die bisherige Regelung einer differenzierteren Ausformung bedarf. Die eingeschränkte Vergabe einer Fahrerlaubnis an Patienten mit Hemianopsie sollte daher an entsprechende Voruntersuchungen mit Quantifizierungen der Daten für Reaktionszeiten, Attenz, neuroophthalmologische Beurteilung der Blickkoordination geknüpft sein, zusätzlich zu Fahrproben am Simulator oder im Verkehr. Die hier nur für Hemianopsie-Patienten dargelegten Überlegungen lassen sich in analoger Weise auch für Patienten mit anderen visuellen, teilweise auch akustischen
und z. B. kopfmotorischen Defiziten darstellen und ggf. darauf anwenden.

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